Textagentur schreibenlassen
Hamburg
Ghostwriting und Lektorat
Auszug aus:
Markus Seidel
SATT
Roman
© by Droemersche Verlagsanstalt München, 2003
MARIE
Marie lernte ihn vor ungefähr einem Jahr auf einem Konzert der Gruppe BOWERY ELECTRIC in Köln kennen. Es war ihr vierunddreißigster Geburtstag. Marie war allein auf diese Veranstaltung gegangen. Sie sah ihn nur an und wusste doch sofort, dass auch er allein und ohne Begleitung gekommen war, und das gefiel ihr. Und was sie auch sah: Dass er nicht einsam war, dass er vielmehr zu denen gehörte, die gern und aus freiem Willen allein sind, ebenso wie sie, und auch das gefiel ihr. Marie glaubte zu erkennen, dass er ein glücklicher Mensch war, anders als sie, die nicht glücklich war, ohne aber unglücklich zu sein. Sie war weder glücklich noch unglücklich, sie war irgendwo dazwischen. Sie wusste nicht einmal mehr, wann sie eigentlich zum letzten Mal wirklich glücklich war, so dass sie dabei alles andere vergaß. Gefragt, was Glück für sie bedeute, käme sie jedenfalls ins Grübeln. Doch Marie gehörte nun einmal nicht zu denen, die über solche Dinge nachdachten, ohne dass sie aber deswegen oberflächlich oder einfältig war. Das Denken (nennen wir es das philosophische Denken) war ihre Sache nicht, es war nicht ihr Talent - und ein Denken dieser Art ist jedenfalls auf ein Talent zurückzuführen, ebenso wie man ein Schwimmtalent sein kann oder etwa ein handwerkliches Geschick besitzt -, und das wusste sie, ohne dass es sie aber störte oder irgendwie beunruhigte. Auch sprach sie nicht viel; schon als Kind hatte sie viel geschwiegen, ja sie war tatsächlich ein ungewöhnlich stilles Kind gewesen, ohne aber deswegen scheu oder schüchtern zu sein. Sie war nur still, das war alles. Auch wenn alles stimmte, wenn sich alles so fügte, wie sie sich das vorher gewünscht oder ersehnt hatte, war sie doch nicht wirklich glücklich; sie war erleichtert vielleicht, sie konnte dann leichter und freier atmen oder klarer und leichter denken und leben, aber glücklich war sie nicht. Womöglich war sie es in der Kindheit zum letzten Mal gewesen, und vielleicht wäre ihr das auch eingefallen, wenn sie länger darüber nachgedacht hätte. Aber eben das tat sie nicht.
Noch immer beobachtete sie diesen Mann. Er war mehr als einen Kopf größer als sie und trug einen hellbraunen Cordanzug, mit dem er auffiel zwischen den Turnschuhen und Jeans und Mützen ringsum. Als sie später einmal an diese erste Begegnung zurückdachte, kam es ihr vor, als hätte unmittelbar hinter und vor und neben ihm niemand gestanden, was aber ja gar nicht der Fall gewesen sein konnte.
Was ihr an ihm gleich gefiel, waren seine Hände mit den langen schlanken Fingern. Sonst achtete sie gar nicht auf anderer Menschen Hände, sie waren ihr durchaus gleichgültig, aber bei diesem Mann war das anders. Als sie dann bemerkte, dass sie sich eine Geschichte zu ihm ausdachte - woher kommt er, was macht er beruflich, wie sieht es in seiner Wohnung aus, und: wie mochte er wohl als Kind gewesen sein? -, da wunderte sie sich über das, was sie da tat - sie ertappte sich gleichsam dabei - und ließ das dann augenblicklich sein. Das geht zu weit, dachte sie. Irgendwann, zwei, drei Stücke später, standen sie plötzlich nebeneinander, und hin und wieder berührten sie sich auch, zufällig, an den Händen, an den Schultern.
Auf einmal aber war er verschwunden, er war von einer Sekunde auf die nächste nicht mehr an seinem Platz, ohne dass sie es bemerkt hatte, und Marie bekam es mit der Angst zu tun. Nicht etwa, weil sie sich nicht erklären konnte, wo er abgeblieben war, sondern dass sie ihn jetzt womöglich ein für allemal aus den Augen verloren hatte. BOWERY ELECTRIC spielte noch drei Stücke, aber sie hörte gar nicht mehr hin, sondern war verstört und wusste nicht, was nun zu tun war. Während des letzten Stückes verließ sie eilig die Halle, und dann erschrak sie fast, als sie den Mann draußen auf einer Bank sitzen sah. Sie erkannte gleich, dass er tatsächlich auf sie gewartet hatte, denn er stand augenblicklich auf, als er sie aus der Halle kommen sah, und lief ihr entgegen, so als kennten sie sich bereits, und als wäre es so verabredet gewesen.
Sie haben hier auf mich gewartet, ja? Marie lächelte, als sie das fragte.
Ja, das habe ich, antwortete der Mann.
Woher wussten Sie denn, dass ich irgendwann kommen würde?
Ich habe es gewusst, antwortete er, ganz einfach. Manche Dinge weiß man eben, ohne zu wissen, warum.
Er hieß Jakob und war Architekt, wie er ihr bald darauf erzählte; in Kürze würde er eine Stelle in Norddeutschland antreten, in Schleswig-Holstein, in einer Stadt mit einem verheißungsvollen Namen. Die Stadt hieß Glückstadt, und in drei Monaten würde er dorthin ziehen. An diesem Abend, an dem sie in einer Bar im Belgischen Viertel in Köln saßen und er von sich erzählte, da war ihr klar, dass sie ihn dorthin, nach Glückstadt also, begleiten würde, und sie wusste auch, dass er es ebenso wusste. Es würde ihr nicht sonderlich schwerfallen, aufzugeben, wovon sie sich dann zu trennen hatte, da war sie ganz sicher: Marie lebte erst seit einem Jahr in der Stadt, in Köln, und arbeitete als Redakteurin bei einer Frauenzeitschrift; Freunde hatte sie hier noch nicht, bloß ein paar Bekannte aus der Redaktion, mit denen sie gelegentlich ins Kino ging oder etwas trinken. Mit einer Kollegin spielte sie Squash am Wochenende, aber schnell merkte sie, dass der Sport das einzige war und bleiben würde, was sie beide verband. Das, was Marie besaß, war nicht viel, weil sie sich nie viel aus Besitz gemacht hatte (es war ihr außerdem immer eine Beruhigung, zu wissen, dass sie praktisch von einem Tag auf den anderen umziehen könnte, ohne aufwendig packen zu müssen. Diese Form der Unabhängigkeit und Ungebundenheit wollte sie sich bewahren, bis sie wissen würde, wohin sie gehörte).
Marie kündigte kurz darauf ihre Wohnung, und weil sie einen Nachmieter stellen konnte (es handelte sich um die Kollegin, mit der sie Squash spielte), war es ihr möglich, binnen zweier Wochen nach der Kündigung auszuziehen. Sie zog also zu dem Mann (obwohl sie ohnehin in ein paar Wochen später wieder umziehen würden).
Am Morgen des letzten Tages vor der Abreise saßen sie gemeinsam in der ausgeräumten Küche. Die Türen der Küchenschränke standen offen, man konnte in die ausgeräumten, leeren Fächer und Regale sehen. Im obersten Fach des Küchenschrankes lagen noch alte vertrocknete Zwiebelschalen, Zuckerwürfel und Teelichte und sogar ein alter Apfel. Sie hatten es wohl beim Ausräumen übersehen und kümmerten sich jetzt auch nicht weiter darum. Durch die Küchentür blickte Marie hin und wieder in den Flur, der auch leer war, bis auf eine braune lederne Reisetasche, die neben der Tür stand, und Jakobs hellgrauen Mantel, der an einem Haken neben dem großen Spiegel hing. Der Anblick der leeren Schränke und des leeren Flurs gefiel ihr. Er war gleichsam Sinnbild des Abschlusses und Ankündigung einer neuen Zeit.
Er erzählte ihr dann etwas von seinen neuen Projekten in der neuen Stadt, und Marie dachte, während sie ihn sprechen hörte, wie wunderbar es war, dass er mit dem Leben fertig wurde, dass er Pläne hatte, und Ziele; sie war glücklich, dass er sich auf dieselbe Weise auf sie einließ wie sie sich auf ihn, nämlich unbedingt, ohne Zweifel und Hintergedanken. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie beide das Glück und die Liebe, die sie füreinander empfanden, annahmen, konnte sie manchmal gar nicht fassen. Das kannte sie so nicht. Das Glück, es brach ein in ihr Leben, plötzlich war es da, riesengroß und unangekündigt, und Marie staunte, wie leicht es ihr fiel, damit umzugehen. Und manchmal hielt sie bei irgendeiner ganz alltäglichen Tätigkeit, beim Kochen oder Schminken oder Radio hören, inne und lächelte und dankte irgend jemandem für das alles, was sich da tat mit dem Freund, mit Jakob.
Am Nachmittag des letzten Tages vor der Abreise richtete sie einen Nachsendeantrag für die Post ein, schrieb an ihre Eltern einen kurzen Brief, worin sie sie von ihrem Ortswechsel informierte (ohne aber auf seine Gründe einzugehen), ihren Freunden und Bekannten schrieb sie eine Karte, niemand erhielt einen Anruf. Anders als früher, als es ihr wichtig war, dass jeder, den sie kannte, von einer neuen Liebe erfahren sollte, wollte sie jetzt um keinen Preis, dass davon jemand wusste. Sie hütete diese Geschichte wie ein Geheimnis, oder nein: es war jetzt wirklich ein Geheimnis, und es sollte zunächst auch eines bleiben, obgleich sie sich bei Jakob und seiner Liebe zu ihr ganz sicher war und ihrer festen überzeugung nach ein plötzliches Ende nicht wirklich zu erwarten war. Aber die Tatsache, dass das alles noch immer ein Geheimnis blieb vor den anderen (zumindest vor denen, die sie kannte; das waren zwar wenige, aber es genügte), diese Tatsache gefiel ihr auf eine bestimmte Weise, und sie wollte diesen Zustand so lange wie möglich beibehalten.
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